Wiedereinstieg nach Brustkrebs: Mein Weg zurück zu BDO
Hallo Julia, wer bist du und was machst du bei BDO?
Ich bin Julia und seit fünf Jahren Partnerin bei BDO. Nach rund 20 Jahren im Corporate Banking – zuletzt bei der Erste Bank Österreich im Firmengroßkundengeschäft – habe ich bei BDO den Bereich Debt Advisory/Finanzierungsberatung mit aufgebaut. Ich unterstütze Unternehmen bei Finanzierungsthemen und in der professionellen Steuerung ihrer Bankbeziehungen.
Im April 2023 hast du die Diagnose Brustkrebs erhalten. Wie hast du diesen Moment erlebt und wie hat diese Diagnose dein Leben verändert?
Ja, im April 2023 erhielt ich völlig unerwartet die Diagnose Brustkrebs. Für solch eine Nachricht gibt es keine Vorbereitung – sie hat mir buchstäblich den Boden unter den Füßen weggezogen. Besonders die Phase großer Unsicherheit, noch bevor Diagnose, Prognose und Therapie klar sind, war für mich herausfordernd. In dieser Zeit war mir nicht einmal bekannt, ob ich das nächste Jahr erleben würde.
Diese Erfahrung hat mein Leben nachhaltig verändert. Sie führt zu einem radikalen Perspektivenwechsel: Man erkennt sehr schnell, was im Leben wirklich wichtig ist – und was nicht. Viele Dinge, insbesondere materielle, verlieren plötzlich stark an Bedeutung. Dieser Perspektivenwechsel begleitet mich nach wie vor. Ich versuche mir im Alltag immer wieder bewusst in Erinnerung zu rufen, wo meine Prioritäten liegen.
Du bist wieder bei BDO zurück und hast deinen Einstieg im Rahmen einer Wiedereingliederungsteilzeit gestaltet. Seit Dezember 2025 arbeitest du wieder Vollzeit. Wie hast du den Weg zurück in den Arbeitsalltag erlebt?
Der Weg zurück in den Arbeitsalltag war für mich ein Prozess. Während der Therapie und auch nach der Reha habe ich gemerkt, dass ich zwar medizinisch wieder gesund bin, aber körperlich und mental noch sehr schwach. Mir war klar, dass der Einstieg zurück in den Arbeitsalltag nicht so einfach wird . Und auch, dass es nicht sofort so weitergehen kann, wie ich es gewöhnt war.
Lange Zeit hat mich genau das beschäftigt: Wie soll ich das jemals wieder schaffen? Die Möglichkeit der Wiedereingliederungsteilzeit war für mich deshalb eine enorme Entlastung – und zwar schon lange bevor ich tatsächlich zurückgekommen bin. Allein zu wissen, dass ein Einstieg mit reduzierter Arbeitszeit, etwa mit 50%, möglich ist, hat mir viel Druck genommen.
In dieser Phase habe ich sehr offen kommuniziert, dass meine Kräfte begrenzt sind und klargemacht, wenn ich etwas nicht übernehmen konnte oder wenn mir die Kapazität gefehlt hat. Das ist wichtig, weil von außen oft schwer einschätzbar ist, was nach einer schweren Erkrankung schon wieder möglich ist und was noch nicht.
Seit dem 1. Dezember 2025 arbeite ich wieder Vollzeit. Das ist für mich eine große Umstellung, und ich merke, dass ich meine Kräfte weiterhin gut im Blick behalten muss. Klar auszusprechen, wann etwas zu viel wird oder wo meine Grenzen liegen, wird mich vielleicht noch etwas begleiten – und vielleicht ist genau das etwas, das grundsätzlich für uns alle gesund ist. Die Grenzen liegen bei jedem Menschen woanders.
Hast du Tipps für Menschen, die selbst mit einer chronischen oder schweren Erkrankung zu kämpfen haben?
Eines der wichtigsten Dinge, die ich gelernt habe, ist, ehrlich mit sich selbst zu sein. Das beginnt damit, die eigenen Kräfte realistisch einzuschätzen: Wie viel kann ich leisten? In welchem zeitlichen Rahmen? Was brauche ich zusätzlich, um körperlich und mental stabil zu bleiben? Arbeit ist dabei nur ein Teil des gesamten Lebens; das Gesamtbild ist entscheidend.
Die Basis ist, die eigenen Fähigkeiten und auch die eigenen Grenzen gut zu kennen. Erst wenn man sich darüber selbst klar ist, kann man diesen Rahmen auch nach außen gut kommunizieren. Genauso wichtig ist es, diese Grenzen dann auch einzuhalten und andere aktiv mitzunehmen, damit sie verstehen, dass ein Nein oder eine Absage nichts mit Ablehnung zu tun hat, sondern mit Selbstfürsorge.
Gerade bei chronischen oder schweren Erkrankungen kommt hinzu, dass vieles von außen nicht sichtbar ist. Ich habe oft gehört: „Du schaust doch eh gut aus.“ Das ist in der Regel nicht böse gemeint. Für mich war es ein Lernprozess, das nicht persönlich zu nehmen, sondern ruhig zu bleiben und klar zu sagen: „Man sieht es vielleicht nicht, aber heute geht es einfach nicht.“
Was mir außerdem sehr geholfen hat, ist das bewusste Einbauen von Pausen – nicht nur in Form von Urlaub, sondern auch kleine Pausen im Alltag. Das klingt banal, macht aber langfristig einen großen Unterschied.

Wie kann man dich und ganz generell Kolleg:innen mit einer chronischen Erkrankung am besten unterstützen?
Unterstützung beginnt aus meiner Sicht vor allem mit Respekt und Vertrauen. Menschen mit einer chronischen oder schweren Erkrankung wissen in der Regel selbst sehr gut, was sie leisten können – und was gerade nicht. Wenn dieser Selbsteinschätzung vertraut wird, nimmt das enorm viel Druck.
Für Führungskräfte ist es wichtig, einen Rahmen zu schaffen, in dem offene Kommunikation möglich ist. Das heißt nicht, alles im Detail wissen zu müssen, sondern zuzuhören, flexible Lösungen zu ermöglichen und regelmäßig nachzufragen, ob der aktuelle Arbeitsumfang noch gut passt. Kleine Anpassungen können dabei oft eine große Wirkung haben.
Kolleg:innen können unterstützen, indem sie Grenzen respektieren und Aussagen wie „Heute geht es nicht“ oder „Das schaffe ich gerade nicht“ nicht persönlich nehmen. Gerade weil viele Erkrankungen nicht sichtbar sind, hilft eine Haltung des Verständnisses mehr als gut gemeinte Ratschläge.
Was ich als sehr unterstützend empfinde, ist Normalität ohne Druck: Interesse zeigen, anbieten zu helfen – aber auch akzeptieren, wenn jemand etwas ablehnt. Dieses Miteinander schafft Sicherheit und Vertrauen, und das ist letztlich die wichtigste Grundlage für einen gelungenen Wiedereinstieg und nachhaltiges Arbeiten.